Niederursel und wie alles anfing

Am Anfang war der Urselbach, das Urselbachtal, die Quelle, das Wasser. Der Wortstamm „Ursela“ ist indogermanischen Ursprungs und man hat mittels Vergleichen rekonstruiert, dass dieser Wortstamm „Wasser, Regen oder Fluss“ bedeutet oder doch mindestens damit zusammenhängt. In türkischen und arabischen Sprachen heißt Wasser im weitesten Sinne „su“ und im Tibetischen „tso . Der Name kommt auch als Ursel und Niederursei in vielen Schreibweisen vor, von Ursula bis Orschel und dieses „Orsche!“ hat sich in der Mundart mit „Niederorschel“ bis heute erhalten. Vor rund 4000 Jahren wurde das Urselbachtal besiedelt, 850 vor Christus wird von einem Dorf an der Steinbach berichtet und zur Zeiten­wende gab es in der Gemarkung von Niederursel römische Gutshöfe sowie Heer- und Handelsstraßen.

Auch die berühmte römische Steinstraße von Nida – 14 km schnurgerade – nach der Saalburg gehörte dazu. Die Siedlung Nida lag südlich des heutigen Nordwestzentrums. Die Römerstadt wurde nach ihr benannt. Um 500 nach Christus gründeten die Franken ein Dorf auf dem Areal des heutigen Niederursel, 791 wird Ursela als Siedlung erwähnt, 1132 folgt die erste sichere urkundliche Erwähnung und 1222 wird mit Richwin de Ursele erstmalig ein Ritter von Niederursel genannt. Die Ritterburg lag etwa auf dem Gelände der heutigen Obermühle.

Bronzebeile und 8 Sicheln, Depotfund Niederursel CN

Römische Steinstrasse zur Saalburg CN 


Ritter Werner von Ursel

Um 1280 wurde Werner von Ursel auf der väterlichen Burg in Niederursel geboren. Der Vater hieß ebenfalls Werner von Ursel und die Mutter war Kunigunde von Ulfa, einem Dorf zwischen Hungen und Schotten. Aus der Jugend dieses Ritters ist nur wenig bekannt, er muss früh in den Deutschen Orden eingetreten sein. 1312 war Werner von Ursel Komtur zu Ragnit an der Memel. 1314 oder Anfang 1315 wurde Werner von Ursel Großkomtur des Deutschen Ordens auf der Marienburg und 1329 wurde er zum Hochmeister des Deutschen Ordens gewählt. Werner von Ursel war einer der bedeutendsten Hochmeister des Ordens, dem wir nicht nur eine Reform des Ordens, sondern auch zahlreiche Stadtgründungen in Ostpreußen verdanken. Dazu nur zwei Zitate.

Der Biograph Kollmann schreibt: “ … mit Orseln trat zum ersten Male einen Mann unmittelbar aus der Reihe der preußischen Gebietiger an die Spitze des Ordens, was seit dem zur dauernden Regel geworden ist. … Orseln eröffnete die Reihe der stolzen Hochmeistergestalten des 14. Jh., die den höchs­ten Ruhm des Deutschen Ordens begründeten, indem sie allein den Belangen des autonomen Ordensstaates dienten.“

Und Schumacher schreibt 1959 zu den Hochmeistern des 14. Jh.: “ … , alle wahrhaft königlich an Macht­fülle und Auftreten nach außen, an väterlicher Sorge für das Land und feinsinniger Pflege geistiger Kultur.“

Am 18.11.1330 lauerte der Ordensbruder Johann von Endorf Werner von Ursel nach der Vesper auf und erstach den Hochmeister in einem Racheakt. 1344 kommen sich Frankfurt und Niederursel erstmals näher: Die Stadt erwirbt von Ritter Friedrich das Öffnungsrecht an der Niederurseler Burg. Rund 100 Jahre später, 1439, kommen sich Niederursel und Frankfurt noch näher, denn Vogt Henne von Ursel verkauft Niederursel für 4700 Gulden, je zur Hälfte an die Stadt Frankfurt und die Kronberger Ritter. 

Werner von Ursel, Hochmeister des Deutschen Ordens CN


Marienburg an der Nogat WU








Öffnungsrecht an der Niederurseler Burg CN


Von 1439 bis 1700 folgen 260 schwere Jahre für Niederursel: Brände, die Pest, Plünderungen und Einquartierungen. So hat Niederursel z.B. 1439 nach einer Pestepidemie nur noch 21 Einwohner.

Dauernd hatten die Niederurseler dabei unter der „ideellen“ Teilung des Dorfes, unter den Streitigkeiten zweier Herrschaften zu leiden. 1714 wurde Niederursel deshalb dann real zwischen den Solms- Rödelheimer und Frankfurt geteilt.

1716 wurde das Rathaus in der Frankfurter Dorfhälfte, 1718 das Solms- Rödelheimische Rathaus errichtet. 1806 fiel die Frankfurter Dorfhälfte zusammen mit der Stadt Frankfurt unter französisches Protektorat, die solmsische Hälfte fiel dem Großherzogtum Hessen zu. Noch im Herbst des gleichen Jahres trat der Großherzog von Hessen seine Hälfte von Niederursel (das sog. Unterdorf) an den Fürstprimas ab. Niederursel wurde für kurze Zeit unter einer Herrschaft geeint. 1815 kam die frühere solmsische Hälfte unter die Herrschaft des Kaisers von Österreich. Frankfurt war schon vorher selbständig geworden und hatte dabei auch seine Hälfte von Niederursel zurückerhalten. 1816 kam das Unterdorf wieder zum Großherzogtum Hessen.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ging es dann aufwärts mit Niederursel. 1851 wurde der Friedhof um die Kirche vor das Dorf verlegt, 1855 wurde die erste Schule neben der Kirche gebaut, 1866 wurden beide Dorfhälften preußisch und dem Landkreis Frankfurt angegliedert.

Ab 1873 entstanden dann in Niederursel eine Reihe von Ziegeleien, die für den Bauboom in Frankfurt produzierten und 1898 schließlich wurde Niederusel mit insgesamt 868 Einwohnern vereint. Im gleichen Jahr wurde die Turngemeinde Niederursel gegründet. 1905 war die Wasser­leitung nach Niederursel fertig und 1907 schließlich wurde das Dorf an das städtische Gasnetz angeschlossen


1910 Die Eingemeindung

Mit Heddernheim, Praunheim, Preungesheim und Rödelheim wurde Niederursel von Frankfurt am Main eingemeindet. Mit der Eingemein­dung begann für Niederursel eine neue Ära, der lange Weg eines landwirt­schaftlichen Dorfes des Landkreises Frankfurt zum neuen Stadtteil Niederursel der Großstadt Frankfurt.

Auch für die Stadt Frankfurt bedeutete dies eine neue Zeit. 1866 waren nicht nur die beiden Hälften Niederursels vereint worden, sondern – ge­wissermaßen im gleichen Atemzug – hatte Frankfurt seine Selbständigkeit verloren und war zur preußischen Kreisstadt im Deutschen Reich geworden. In den Jahrzehnten danach boomte Frankfurt in der ersten industriellen Revolution. Die Kernstadt und die innenstadtnahen Bereiche wurden zu eng für die Bevölkerung, platzten buchstäblich aus den Nähten. So war es zukunftsweisend, dass Oberbürgermeister Adickes eine konsequente Eingemeindungspolitik betrieb und 1910 neben Niederursel zehn weitere Dörfer, praktisch der Landkreis Frankfurt, eingemeindet wurden. Damit war die Einwohnerzahl der Stadt mit einem Schlage auf über 400.000 angewachsen. Frankfurt am Main war zur Großstadt geworden und konnte sich jetzt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch räumlich entfalten.Am 6. Februar 1909, nach langen Verhandlungen hatten Bürgermeister Andreas und der erste Schöffe Keßel für Niederursel und am 29. März 1909 Bürgermeister Franz Adickes neben Herrn Bleicher für den Magistrat der Stadt Frankfurt den Eingemeindungsvertrag unterschrieben, der am 1. April 1910 wirksam wurde. Niederursel hatte zu dieser Zeit etwa 1000 Einwohner.

 

Auch für die Stadt Frankfurt bedeutete dies eine neue Zeit. 1866 waren nicht nur die beiden Hälften Niederursels vereint worden, sondern – ge­wissermaßen im gleichen Atemzug – hatte Frankfurt seine Selbständigkeit verloren und war zur preußischen Kreisstadt im Deutschen Reich geworden. In den Jahrzehnten danach boomte Frankfurt in der ersten industriellen Revolution. Die Kernstadt und die innenstadtnahen Bereiche wurden zu eng für die Bevölkerung, platzten buchstäblich aus den Nähten. So war es zukunftsweisend, dass Oberbürgermeister Adickes eine konsequente Eingemeindungspolitik betrieb und 1910 neben Niederursel zehn weitere Dörfer, praktisch der Landkreis Frankfurt, eingemeindet wurden. Damit war die Einwohnerzahl der Stadt mit einem Schlage auf über 400.000 angewachsen. Frankfurt am Main war zur Großstadt geworden und konnte sich jetzt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch räumlich entfalten.Am 6. Februar 1909, nach langen Verhandlungen hatten Bürgermeister Andreas und der erste Schöffe Keßel für Niederursel und am 29. März 1909 Bürgermeister Franz Adickes neben Herrn Bleicher für den Magistrat der Stadt Frankfurt den Eingemeindungsvertrag unterschrieben, der am 1. April 1910 wirksam wurde. Niederursel hatte zu dieser Zeit etwa 1000 Einwohner.

Die Vereinbarung der Stadtgemeinde Frankfurt am Main und der Landgemeinde Niederursel behandelt im Wesentlichen den Übergang von Rechten, Pflichten und der Verwaltung an Frankfurt. Für eine Reihe von Abgaben, Steuern und Bestimmungen handelten sich die Niederurseler lange Übergangsfristen aus: Der Schlachthauszwang wurde erst ab 1926 eingeführt, das Wiegegeld für die Benutzung der Gemeindewaage durfte erst nach dem 31. März 1940 erhöht werden, die Realsteuern soUten sich nicht vor dem 31. März 1919, die kommunale Einkommensteuer nicht vor dem 31. März 1912 verän­dern. Die 1895 in Niederursel eingeführte Lustbarkeitssteuer sollte weiter in Kraft bleiben und der Wassergeldtarifbis 1930 nicht erhöht sowie die Aufwen­dungen für Straßenunterhaltung und -reinigung bis 1915 nicht geändert werden. Eine Hauskehrichtabfuhr wollte man vorläufig nicht einführen, andererseits wurde die Einstellung eines Wegewärters für die Feldwege verein­bart. Die nutzungsrechte der Niederurseler Gemeindebürger am Wald auf der „Hohemark“ blieben erhalten.

Weitere wichtige Bestimmungen des Vertrages waren: Die Verschmelzung des Vermögens beider Gemeinden, die Bildung eines neuen Frankfurter Wahlbezirkes aus Niederursel, Berkersheim und Bonames, die Übernahme aller Niederurseler Gemeindearbeiter, -angestellten und -beamten, sowie die Beibehaltung einer eigenen Steuerhebestelle, eines Standesamtes und einer Zweigstelle der Ortskrankenkasse sowie die Verpflichtung der Stadt Frankfurt, einen Zuchtbullen, Zuchteber und Zuchtziegenbock zu unterhalten. Ausdrücklich verpflichtete Frankfurt sich darüber hinaus:

1. „binnen zwei Jahren, vom Tag der Eingemeindung ab gerechnet, den Straßenzug Hausen- Weißkirchen innerhalb des Ortsberings zu pflastern und die beiden Brücken in diesem Straßenzug zweispurig herzustellen;

2. In derselben Zeit den Straßenzug Niederursel-Heddernheim zu pflastern sowie die Taunusstraße zu befestigen und an einer Seite mit erhöhtem Bankett zu versehen;

3. Einen Verbindungsweg zwischen dem südlichen Teile des Ortes und dem Bahnhofe herzustellen.“

Mit der Eingemeindung hatte Niederursel zwar seine Eigenständigkeit verloren, gleichzeitig aber für seine Bewohner die Nutznießung aller Einrichtungen der Großstadt Frankfurt gesichert. Der neue Stadtteil Niederursel umfasste praktische die Gemarkung des früheren Dorfes Niederursel. Manchem Einwohner Niederursels gefiel die Eingemeindung nicht, manche meinten, man hätte bei den Verhandlungen noch mehr Vorteile heraushandeln müssen. Insgesamt und in der Rückschau war die Eingemein­dung ein Segen für Niederursel und 100 Jahre kräftigster Entwicklungen vom Dorf- zum Stadtteil von Frankfurt/Main begannen. 

Noch im Jahre 1910 wurde der Bau der Straßenbahnlinie 24 nach der „Hohemark fertiggestellt und Niederursel war mit der Bahn an den Personen- und an den Frachtverkehr angeschlossen. Den Zugang hatte man mit einem „Verbindungsweg“ im Eingemeindungsvertrag bereits gesichert. 


Ebenso begann im Jahre 1910 der Bau der Villenkolonie Wiesenau. Auf einem Acker des Bauern Philipp Himmelreich westlich der früheren Gaststätte „Wiesenau“ zwischen der Heddernheimer Landstraße und dem Urselbach wurden durch die Eigen­heimbaugesellschaft die ersten 56 Eigenheime der Wohnkolonie Wiesenau errichtet. Gegenüber anderen Doppel- oder Reihenhaussiedlungen jener Jahre, die von Baugesellschaften in kürzester Zeit geschlossen errichtet wurden, hatte die Wiesenau den Vorteil, dass jedes Haus nach den individuellen Wünschen des Bauherrn geplant und ausgeführt wurde. Eine Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1911 anlässlich des Besuchs von Architekt Wallot in der Wiesenau beschreibt treffend die Wandlung in Niederursel:

 „Keine der Gemeinden des früheren Land­kreises, die von der Stadt Frankfurt eingemeindet sind, hat wohl binnen Jahresfrist mehr Veränderungen erfahren als Niederursel. Die Vollendung und Inbetriebsetzung der elektrischen Bahn und besonders die Ansiedlungen der Eigenheimbaugesellschaft sind für Niederursel von eingreifender Bedeutung. 56 Häuser sind vollendet, teilweise schon bewohnt, teilweise bis zum I. April diesen Jahres bezogen, die Häuser sind solide gebaut, architektonisch ausgeschmückt, mit allem Comfort der Neuzeit versehen, von Gärten umgeben, ein wunderschöneAnblick. 

Landhaus Mangold in der Wiesenau ca. 1910 IS


Haus in der Wiesenau um 1910 IS

St. Georgskapelle CN

In den letzten Tagen beehrte der berühmte Erbauer des Reichstagsgebäudes (Berlin) Wallot die Gartenstadt"Wiesenau“ mit seinem Besuch und hat sich, nach genauer Besichtigung, sehr anerkennend ausgesprochen. Die Baugesellschaft Eigenheim steht im Begriff, auf der anderen Seite der Heddernheimer Chausee gegenüber der vollendeten Villenkolonie ein noch weit größeres Bauterrain in Angriff zu nehmen, es sind 200 Häuser projektiert und schon jetzt liegen eine große Anzahl Baugesuche vor. Das kleine Niederursel, das vor einigen Jahren nur 900 Seelen zählte, wächst und bekommt städtisches Ansehen. Wenn nun noch der projektierte Exerzierplatz in die Niederurseler Gemarkung kommt, dann geht es mit der früheren fast ausschließlich ländlichen Bevölkerung zu Ende. Ob es für Niederursel gut ist, das mag dahingestellt bleiben.“ Der Exerzierplatz kam nicht zustande und so kam die schon 1911 prophezeite Umstrukturierung erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. 

Der I. Weltkrieg war schmerzlich für Niederursel. Aus den Reihen der Niederurseler Burschen wurde die 5. und 6. Batterie des 21. Reserve-Artillerie-Regiments zusammengestellt und nach einem großen Abschiedsgottesdienst am 11. August 1914 in Marsch gesetzt. Die eingeschmolzenen Orgelpfeifen und die Glocke waren noch die geringsten Opfer, zahlreiche Niederurseler fielen und für diese wurde 1921 ein großer Gedenkstein mit den Namen der Gefallenen zwischen der Dorflinde und der alten Kirche aufgerichtet. Praktisch sofort nach dem Krieg gingen Entwicklung und Umstrukturierung des Dorfes weiter, wobei die strukturellen Veränderungen noch maßvoll und langsam vor sich gingen. Die Vergrößerung des zum Teil in der Niederurseler Gemarkung liegenden Kupferwerkes, später Vereinigte Deutsche Metallwerke, brachte Arbeitsplätze und neue Einwohner. Um den Kern Niederursels ent­standen im geringen Umfang neue Häuser im Bereich der Kreuzerhohl, des Weißkirchner Weges und der Wiesenau. 1927 wurde die über 500 Jahre alte Dorfkirche abgebrochen und durch einen achteckigen Neubau von Prof. Elsässer ersetzt, den man am Ostersonntag 1928 einweihte.

 Im selben Jahr eröffnete man die von Prof. Schuster geplante neue Niederurser Volksschule zwischen Niederursel und der Wiesenau. Damit tritt Niederursel auch wieder stärker ins Licht der Geschichte und dies weit über Frankfurt hinaus. Während die Zahl der Wohnbauten der „Moderne“, des „Bauhausstils“ mindestens mehrere Hunderttau­send beträgt, sind die Funktions­baulen wie Markthallen, Schulen, Hallenbäder und Kirchen doch relativ rar. Mit der Gustav-Adolf- Kirche war Niederursel wieder einmal an der Spitze und die Schule von Prof. Schuster war der Prototyp eines dann vielfach gebauten Schulbausystems des sog. „Schuster­typs“ mit zwei Klassen an einem Treppenhaus.

 

Aber Niederursel glänzte mit einem weiteren herausragenden Bauwerk. 1936 war mit dem Bau der Autobahn begonnen worden. 1937 und 1938 wurde die stählerne Autobahnbrücke über das Urselbachtal gebaut, neben der Mainüberquerung das gewaltigste Brückenbauwerk der ersten Autobahntrasse in Deutschland.

Bau der Autobahnbrücke über den Urselbach PB

 

Auch im 2. Weltkrieg hatte unser Dorf zu leiden. Das Kupferwerk war Rüstungsbe­trieb und deshalb Angriffsziel der englischen und amerikanischen Bombenflugzeuge. Zahlrei­che Bomben, die ihr Ziel verfehlten, verwüsteten die Niederurseler Felder mit tiefen Kratern, zerstörten aber auch einzelne Häuser in Nieder­ursel und der Wiesenau. Auch die erst 1928 gebaute Schule brannte aus. Die Schäden hielten sich insgesamt in Grenzen, es waren aber wiederum viele Gefallene zu beklagen.
Das Dorf erholte sich schnell. 1954 waren die Kriegszerstörungen praktisch alle beseitigt. Darüber hinaus expandierte Niederursel schon wieder. So wurden 1955 die kleine Siedlung an der KeIlerbornstraße und einige Häuser am Krautgartenweg gebaut.

Bau der Nordweststadt 

Es folgte dann eine rasante Entwicklung – vielfach von außen beeinflusst und nicht immer von der Niederurseler Bevölkerung gewollt oder getragen – die zur völligen Umstrukturierung des Dorfes führte, und zwar nicht nur räumlich und baulich, sondern auch sozial.

Die einschneidensten Veränderungen seit der Gründung des Dorfes brachte der Bau der Nordweststadt. Die Errichtung dieses neuen Stadttei­les bedeutete für die Gemarkung Niederursel den Wechsel von der dörflich­-landwirtschaftlichen Struktur in einen Stadtteil mit weitgehend städtischem Gefüge unter Beibehaltung weniger Hofreiten im alten Kern.

Im Zuge der umfangreichen Erweiterungen Frankfurts und der Ausweisung neuer großer zusammenhängender Baugebiete stellten das Stadtplanungsamt und nach entsprechenden Vorschlägen des Planungs­dezernenten Dr. Hans Kampffmeyer auch die städtischen Körperschaf­ten etwa ab Mitte der 50er Jahre Überlegungen an, das Gebiet zwischen Niederursel, Heddernheim und Praunheim zu bebauen. Das Gelände mit einer Gesamtgröße von 1,7 Mio. qm wurde bis dahin hauptsächlich von Niederurseler Bauern landwirschaftlich genutzt. Um den städtebaulichen Zielen gerecht zu werden, beschlossen Magistrat und Stadtverordnetenversammlung 1957, das gesamte Gelände aufzukaufen und nach den noch zu schaffenden Plänen für einen neuen Stadtteil mit etwa 25.000 Bewohnern neu zu parzellieren. Mit den ehemaligen Dörfern Praunheim, Heddernheim und Niederursel sollte das neue Stadtviertel „Nordweststadt“ rund 50.000 Einwohner beherbergen. In dem groß angelegten Planungswettbewerb entschied sich die Jury unter dem Vorsitz von Prof. Ernst May, dem Erbauer der Römerstadt, für den Entwurf der Architektengemein­schaft Schwagenscheidt/Sittmann. Diese erhielten auch mit dem Gartenarchitekten Hanke den Auftrag für die städtebauliche und künstlerische Oberleitung.

Dr. Schwagenscheidt verwirklichte mit der Nordweststadt seine Ideen zur Raumstadt. Trotz des erbitterten Widerstandes der Niederurse­Ier Landwirte, die zum einen um ihre Existenz bangten und zum anderen mit den gebotenen niedrigen Grundstückspreisen nicht einverstanden waren, begann man im Juni 1961 mit dem Bau der ersten Häuser. Drei Landwirte: Lorenz Gebhart, Wilhelm Himmelreich und Johannes Wentzel wurden auf das Hofgut Praunheim ausgesiedelt und etwa 40 Enteignungsverfahren durchgeführt. Die Ziegeleien wurden demontiert und die Ziegel­gruben aufgefüllt. Anfang 1964 waren bereits über 1.000 Wohnungen bezogen. Ein Teil der Wohngebäude realiserte man in Großtafelbauweise nach dem System Holzmann-Coignet. Mit der Einweihung des Kultur- und Geschäftszentrums am 4. Oktober 1968 war der Bau der Nordweststadt weitgehend abgeschlossen. Von den über 7.500 Wohnun­gen wurden 6.500 als Geschosswohnungen errichtet, 300 Wohnungen in Form von Eigentumswohnungen und 575 Wohnungen als Einfamilienhäuser.

Das Stadtplanungsamt formulierte dazu: „Der intensiven Mischung der verschiedensten Baukörperformen und Wohnhaustypen entspricht eine viel faltige Mischung gesellschaftlicher Schichten der Bewohnerschaft des Neubaugebietes. Analog der gesamtstädtischen Sozialstruktur spannt sich der Bogen von den Mietern der in der Regel subventionierten Sozialwohnungen bis hin zu den Eigentümern relativ aufwendiger eingeschossiger Atriumeigen­heime“.

Neben den Wohnungen und dem Haupt- wie auch den Nebenzentren waren umfangreiche Ver- und Entsorgungseinrichtungen entstanden:

Kindergärten, Spielplätze, Schulen, Heizwerk und Müllverbrennungsanlage. Prof. Franz Schuster aus Wien vollendete sein Lebenswerk, das er mit der Schule in der Wiesenau 1927 begonnen hatte, mit der Gesamtschule Nordweststadt.

Die Gesamtkosten aller Wohnungen und Einrichtungen betrugen etwa 816 Mio. Mark.

Dabei nahm die Zahl der wirtschaftlich betriebe­nen Höfe fortlaufend ab und auch die Besitzrechte an der Hohe Mark hatten sich verändert.

Inwieweit alle Ideen zu einer „neuen Stadt“ sich positiv zeigten, muss mit Fragezeichen versehen werden. Der Wegfall der „sozialen Überwachung“ und die soziale Mischung haben auch deutliche Schattenseiten.




Aufnahmen von 1963



Aufnahmen von 1964



Aufnahmen von 1965/66



Einweihung des Martin-Luther-King-Parks
am 26. September 1968


Heinrich Kromer Schule JD


Ernst-Reuter-Schule JD


Europäische Schule JD

Jüngste Geschichte von Niederursel, 
Universität, Mertonviertel und Riedberg

Die großen Um­strukturierungen und das Bauen gingen und gehen weiter. Am
2. November 1980 begannen die Bauarbeiten für die Universität am Niederurseler Hang und am 20. September 1971 konnte das erste Richtfest gefeiert werden. Zwei Jahre später, am September 1973, wurde der erste Bauabschnitt bestehend aus Institutsgebäuden, Bedarfsheizwerk und Werkstätten von dem Chemischen Institut bezogen. Inzwischen sind zahlreiche neue Bauten hinzugekommen.

Am 31. März 1982 schloss das sog. Kupferwerk, das Stammwerk der Vereinigten Deutschen Metallwerke AG (VDM) mit einem großen Flächenanteil im Osten der Gemarkung Niederursel für immer seine Tore. Das traditionsreiche Werk musste wegen defizitärer Geschäftsentwicklung seine Produktion einstellen. 1983 wurden die Fabrikanlagen abgebrochen und 1984 begann der Neubau des Wirtschafts- und Siedlungsgebietes Mertonviertel, wobei der Name erst seit 1993 offiziell verwendet wird. Auch der Kern von Niederursel wandelte sich. So entstand im Bereich des ehemaligen Taunushofes eine konzentrierte Wohn- und Geschäftsbebauung, vor allem aber wurde im Mai 1994 die Nordweststraße als Umgehungs­straße für Niederursel eingeweiht. 

Vom 25. August bis 1. Septem­ber 1994 feierte Niederusel mit Frankfurt die 1200-Jahr-Feier der Stadt Frankfurt am Main. Aber auch die Sozialstruktur änderte sich. Die „alten Niederurseler“ wurden weniger. Neue Bürger und Waldorf-Einrichtungen zogen nach Niederursel. Es entstand die Bildungsstätte „Der Hof“ der inzwischen zu einer Institution geworden ist.

Das erste Universitätsgebäude WU





Hier werden Sie demnächst einige Bilder 

unserer 1200-Jahrfeier sehen!

Und erst in den jüngsten Jahren begann die Bebauung des Riedbergs wiederum zum großen Teil auf Niederurseler Gemarkung: Ein weiterer Frankfurter Stadtteil für insgesamt 20.000 Einwohner.

Aus dem kleinen Dorf von 1910 mit rund 1000 Einwohnern sind Stadtteile mit inzwischen weit mehr als 50.000 Einwohnern geworden. Für den Dorfkern Niederursel ergeben sich dabei aufgrund seiner historischen Fachwerkbauten, dem identitäts­stiftenden Ortsbild und seiner außergewöhnlichen Entwicklungsgeschichte große Chancen für eine erfolgreiche Zukunft.


Bild- und Textnachweis:
CN Gerner, Manfred, Niederursel, Mittelursel, Chronikalische Aufzeichnung zu einem Dorf, Frankfurt am Main 1976; IS Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Münzgasse 9,60311 Frankfurt; JD Johanna Dechert; PB Privatbesitz; WU Gerner, Manfred, Werner von Ursel Hochmeister des Deutschen Ordens und Chronik von Niederursel, Fulda 1998